Hallo liebe Freunde und Freundinnen freier Software, ich habe gerade mehrere Erwiderungen für den "Verhaltensregeln" Thread geschrieben, umgeschrieben, bin den Thread nochmal durch gegangen - und habe alle wieder gelöscht. Ich glaube, man hat sich erst gründlich missverstanden und dann im Eifer davon tragen lassen. Das waren mir zu viele verschiedene Stellen, an denen ich hätte einhaken wollen.
Ich glaube aber, dass es ein Fehler wäre, diese Auseinandersetzung unverstanden zu den Akten zu legen. Dieser Fehler könnte der FSFE langfristig großen Schaden zufügen. Es sind zwei grundlegende Geisteshaltungen kollidiert und zumindest die eine Seite hat - so scheint mir - nur verstanden, dass die andere Seite irgendwie auf Krawall gebürstet ist. Vorab bzgl. dem Auslöser des Auslösers, also der sehr emotionalen Mail mit der Fäkalsprache: An mir ist vor kurzem folgender wie ich meine lesenswerte Text vorbei geschwommen: http://bulletin.kenyon.edu/x4280.html Jetzt zum "Code of Conduct" (CoC). Erik schrieb uns am 01.11.2016 um 18:12 Uhr, dass ein "Code of Conduct" für die "Community" in Arbeit ist. Die Mail macht den Eindruck, als ob er dafür freudige Zustimmung erwartet. Verständlich, schließlich hat das Kernteam und er selbst als Fellowship Koordinator Proaktivität bewiesen und kann just als es zu einer Verfehlung kommt, auf die praktisch fertige Lösung verweisen. Der noch warme Fall von Keyboard-Tourette zeigt ja, dass es einen Code of Conduct braucht. Die gegenteilige Reaktion erfolgt auf der Liste. Ich selbst erschrecke, als ich Eriks Verkündung lese. Warum? Fangen wir mit den einfachen Aspekten an, damit sie aus dem Weg sind. (Ok, es gibt keine wirklich einfachen Aspekte.) Ich gestehe: Ich habe ein Problem mit Autoritäten. Speziell solchen, die ich nicht in diese Rolle eingeladen habe. Wahrscheinlich habe ich als Fellow an der Peripherie und in der Diaspora, der noch nicht lange dabei ist, eine andere (falsche?) Vorstellung vom Verhältnis zwischen Fellows und e.V./Kernteam. Ich sehe das so: Mein Hauptbeitrag ist eine bescheidene aber regelmäßige Spende. Diese Spende erfolgt, damit bestimmte Themen voran gebracht werden. In der Hauptsache finanziert sie die Frühstücksbrötchen der Leute, die dieses Voranbringen hoffentlich besorgen. Nun kommt Erik: "Fellows, singt Hallelujah denn wir haben unsere Zeit (und damit euer Geld) benutzt, euch Regeln zu geben!". Mein erster Gedanke: "Du hast mir überhaupt nichts vorzuschreiben!" Mein zweiter Gedanke: "Die sprechen *mir* das Misstrauen aus. Wie kommen die darauf mir zu unterstellen, ich bräuchte eine schriftliche Einweisung in gutes Benehmen?" Mein dritter Gedanke: "Moooment, das habt ihr in eurer Freizeit gemacht, oder? Fixt mal eure Freund-Feind-Erkennung und geht jagen!" Mein vierter Gedanke: "Wozu soll der CoC gut sein? Die, die ihn bräuchten, werden ihn nicht lesen oder im entscheidenden Moment verdrängen (Stichwort: Keyboard Tourette). Die, die ihn lesen, hätten sich auch so benommen." Ich meine das nicht böse. Und vielleicht ist der CoC ja doch total wichtig, aber Halleluja singen mag ich jetzt grad nicht. Das Argument, "wir kommen besser an Fördermittel wenn wir den CoC haben", lasse ich voll gelten. Wenn es das wäre: Schwamm drüber. Der Grund, warum ich erschrocken bin ist ein anderer und hat wenig mit dem CoC oder seinen Inhalten zu tun aber sehr viel damit, wie er von Erik und Max begründet und verteidigt wurde. Max, Erik, mir scheint, ich habe ein grundsätzlich anderes Menschen- und Gesellschaftsbild als ihr. Meines ist ein egalitäres, eures ein autoritäres. Ich glaube, dies ist das wesentliche Unterscheidungsmerkmal der CoC Befürworter und Gegner auf der Liste. Und: Ich glaube, sich für das falsche Menschenbild zu entscheiden, kann eine Organisation ruinieren. Zumindest kann es verhindern, dass sie ihren eigentlichen Zielen gerecht wird. Wie ich es verstehe (Philosophen und Politikwissenschaftler, kusch, geht woanders spielen; ich weiß, dass ich hier wahrscheinlich Lehrbuchbegriffe vergewaltige): Egalitär: Menschen sind zwar unterschiedlich, ihnen stehen für die gesellschaftliche Partizipation aber die gleichen Möglichkeiten offen. Wenn die Menschen wegen ihrer individuellen Unterschiede dies unterschiedlich gut können, so ist das eben so. Wenn eine schüchterne Person gehört werden will wie eine extrovertierte Person, so hat sie selbst eine Entwicklungsaufgabe (und ich weiß in diesem Punkt, wovon ich rede). Es ist nicht die Gesellschaft die verpflichtet wäre, alle anderen einzuschränken um das Gefühlsleben des Schüchternen zu modulieren. Vielmehr kommt jedem Einzelnen auch die Verantwortung für seine eigenen Emotionen zu. Autoritär: Menschen sind unterschiedlich, darüber hinaus aber in zwei Gruppen geteilt: Die Starken und die Schwachen (Wortwahl von Max). Die Starken sind für ihre Emotionen selbst verantwortlich. Die Schwachen sind für ihre Emotionen nicht selbst verantwortlich. Die Gesellschaft oder konkrete Kommunikationspartner aus der Gruppe der Starken sind verantwortlich. Wenn ein Schwacher Angst hat oder unglücklich darüber ist, dass Starke mehr Einfluss haben als er, so ist es nicht seine eigene Aufgabe, sondern Aufgabe der Gesellschaft dafür zu sorgen, dass diese negativen Gefühle weg gehen. Es muss also eine Zentralgewalt geben, welche die Starken einschränkt, damit sich der Schwache besser fühlt. Der Maßstab ist die Emotion des Schwachen. Mit den Begriffen Starke/Schwache bin ich nicht wirklich zufrieden, aber es knüpft so schön an Max' Erläuterung im anderen Thread an. Möglicherweise habe ich mit dem autoritären Menschenbild, das ich Max und Erik unterstelle, einen feinen Strohmann gebaut. Ich freue mich auf die Richtigstellung. Ich halte den oben als "Autoritär" bezeichneten Ansatz für gefährlich und dumm. Er wird weder den "Schwachen" gerecht, denen Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit abgesprochen und abtrainiert werden, noch den "Starken", denen eine Verantwortung aufgebürdet wird ohne auch die entsprechende Macht mitzugeben. Nämlich die Verantwortung für den Emotionshaushalt der Schwachen, mit denen sie interagieren. Ich halte es für höchst zweifelhaft, für einen Teil der Menschheit pauschal Schutz- und Förderungsbedürftigkeit zu unterstellen. Ich halte es für falsch, wenn sich eine Organisation, die etwas ganz anderes tun will - nämlich freie Software fördern - sich anmaßt die notwendige Zentralgewalt zu sein. Richtig ist natürlich, dass bloß weil es ein Blatt Papier mit der Überschrift "Code of Conduct" gibt, auf dem steht "Wir haben uns alle lieb", noch kein pathologischer Zustand erreicht ist. Der Unterschied zu vorher ist: Es gibt jetzt ein Gesetz, auf dessen Basis man Leute anzeigen kann. Der vorstehende Satz ist auch das einzige "Klare" daran. Anders formuliert: Der CoC ist eine neue Waffe, die ins Spiel gebracht wird. Warum die Aufregung, wenn noch kein pathologischer Zustand erreicht ist? Wenn meine Vermutung mit dem Menschenbild stimmt, geht es in diese Richtung weiter. Wehret den Anfängen. Andere, speziell einige amerikanische Hochschulen, sind schon weiter, und es scheint nicht hübsch zu sein. Generell scheint die Entwicklung dahin gegangen zu sein, dass Leute glauben, sie hätten ein Recht darauf nicht mit abweichenden Meinungen belästigt zu werden. Auseinandersetzungen werden nicht inhaltlich, sondern dreckig über Bande - die Zentralgewalten - mit Anschuldigungen und Erpressung geführt. Dort wird die Waffe CoC auch eingesetzt. Stichworte Political Correctness, Safe Spaces (vgl. Erik "Raum für eine Diskussionskultur erschaffen ... friedvoll"), Trigger warnings, culture of victimhood, Opferolympiade, Social Justice Warriors (SJW). Falls es dort nur halb so schlimm ist, wie es sich anhört, wollen wir da glaube ich trotzdem nicht landen. Liebe Grüße, Franz _______________________________________________ FSFE-de mailing list [email protected] https://lists.fsfe.org/mailman/listinfo/fsfe-de
